Partnertausch unter Freunden


Partnertausch unter Freunden

KAPITEL 1

»Sex am Morgen hat etwas«, sagte Tom und fuhr sich mit den Händen durch die verschwitzten Haare.

Er lag in einem großen Doppelbett und starrte an die Decke. Die Frau neben ihm kicherte, denn sie hatte diese Worte schon einige Male aus seinem Mund ge­hört.

Es scheint ihm wirklich zu gefallen, dachte sie und amü­sierte sich darüber, dass er sich wie ein kleiner Junge über ein Spielzeug freute.

Jedes Mal.

Nicht, dass sie nicht auch ihren Spaß daran hatte, aber eigentlich war sie meistens eher am Abend in Stim­mung.

»Was?«, fragte Tom, der das Kichern seiner Bettge­fährtin bemerkt hatte.

»Ach, nichts.«

»Du machst dich schon wieder lustig über mich, oder?«

»Würde ich nie«, war die schelmische Antwort der Frau, die sich nun über Tom beugte und ihm einen Kuss auf seine etwas rauen Lippen gab.

Ihr Name war Silvia, sie war 34 und in ziemlich guter körperlicher Verfassung. Das lag wohl nicht zuletzt daran, dass sie jeden Tag zehn Kilometer rannte und auch sehr auf ihre Ernährung achtete. Gerade Letzte­res wurde ab dreißig immer schwieriger, denn wäh­rend das Verlangen nach Schokolade und anderen Leckereien mit den Jahren immer größer wurde, wei­gerte sich der Körper mehr und mehr, die zusätzli­chen Kalorien abzubauen.

Bis vor zwei Jahren hatte sie deshalb auch zu einem kleinen Bäuchlein geneigt, das sie seit der Geburt ih­rer Tochter nicht mehr wegbekommen hatte. Doch vor zwei Jahren hatte sich dann diese Sache mit Tom entwickelt und Silvia hatte mit einem Mal einen großen Motivationsschub erhalten, durch den sie sich in die atemberaubende Form gebracht hatte, die Tom nun neben sich bewundern durfte.

Er betrachtete Silvias nackte Haut und die Schweiß­perlen darauf, die sich mit aller Gewalt an die zarten, kaum sichtbaren Härchen klammerten. Mit seinem Zeigefinger umkreiste er liebevoll ihren Bauchnabel und küsste ihn anschließend.

»Wie spät ist es?«, fragte Tom.

Armbanduhren hasste er wie die Pest, da er beim Tra­gen ständig das Gefühl hatte, etwas würde ihm das Gelenk zuschnüren. Aus diesem Grund trug er nie eine, was ihn jedoch oft ein wenig hilflos in Bezug auf die Uhrzeit machte. In der Regel half da nur der et­was umständliche Blick auf sein Smartphone, doch das hatte er gestern Abend in der Tasche seiner Jacke gelassen, die irgendwo in Türnähe hing.

»Du hast noch Zeit«, antwortete Silvia.

Ihr Gesichtsausdruck war plötzlich nicht mehr von entspannter Leichtigkeit geprägt. Im Gegenteil, sie blickte Tom nachdenklich an, als wollte sie etwas sa­gen, allerdings sagte sie nichts. Stattdessen drehte sie ihren Kopf zur Seite und beobachtete durch das Fenster den blauen Himmel, der sich an diesem Mor­gen präsentierte.

»Was ist los?«, wollte Tom wissen.

»Nichts.«

Natürlich, dachte er, es ist immer nichts, wenn du dieses Ge­sicht machst.

»Sag schon.«

Er presste diese Worte gegen jegliches, innerliches Wi­derstreben hervor, denn er wusste nur zu gut, dass das folgende Gespräch – sollte es zustande kommen – den leidenschaftlichen Tagesanbruch wieder zunich­temachen würde. Zwar hegte Tom eine leise Hoff­nung, dass er sich irrte, doch so richtig daran glauben konn­te er nicht.

»Wie lange soll das noch so weitergehen mit uns?«

»Silvia, bitte, wie oft sollen wir dieses Gespräch noch führen?«

»Aber wir führen es doch nie, weil du ständig aus­weichst. Ich kann so nicht ewig weitermachen, das musst du auch verstehen. Für dich ist es nicht so kompliziert wie für mich.«

»Du meinst, dass es für dich komplizierter ist, weil du eine Familie hast?«, fragte Tom zurück. »So einfach ist das für mich auch nicht, wie du vielleicht glaubst. Ja, ich habe kein Kind, aber Linda und ich haben auch schon eine sehr lange Beziehung und wir haben viel zusammen durchgemacht.«

»Das ist wohl nicht dasselbe, Tom.«

»Denkst du nicht? Du hast für Nick genauso noch Gefühle wie ich für Linda. Es ist nicht diese innige Liebe, aber dennoch liebst du ihn und ich liebe sie. Auf eine andere, loyale Weise eben. Andernfalls hät­ten wir die beiden längst verlassen.«

Silvia wollte etwas erwidern und öffnete den Mund. Eigentlich wollte sie etwas anderes sagen, doch einige Worte drangen unweigerlich hervor, die sie vielleicht schon öfters im Kopf gehabt hatte, von denen sie al­lerdings nie gedacht hätte, dass sie sie jemals ausspre­chen würde.

»Vielleicht sind wir nicht loyal. Vielleicht empfinden wir überhaupt keine Liebe mehr für sie. Vielleicht sind wir ganz einfach nur zu feige, um sie zu verlassen.«

Eine Träne sprang aus Silvias Auge, doch sie wischte sie schnell weg. Silvia blickte an sich herab und erst jetzt wurde ihr klar, dass sie noch immer nackt war. In der nächsten Sekunde griff sie neben das Bett und hob ihr T-Shirt auf, das dort am Boden lag. Nachdem sie es übergezogen hatte, stand sie auf und ging ins Badezimmer.

Tom schnaufte durch. Nach dem vielversprechenden Auftakt vorhin hatte er sich nicht einen solchen Stimmungswechsel erwartet. Dabei hätte ihn diese Wende nicht unbedingt überraschen müssen, denn seine Beziehung zu Silvia war geprägt von diesem ständigen Hin und Her. Das war auch zu einem gewissen Grad ver­ständlich und er selbst fühlte sich ebenso gefangen zwischen zwei Welten, auch wenn er es selten so emo­tional zur Sprache brachte. Insofern hatte er Ver­ständnis für Silvias Reaktion und er würde ihr gerne helfen und ein Lösung für dieses ganze Dilemma vor­schlagen. Nur wusste er keinen Ausweg.

Natürlich hätte er mit Linda Schluss machen können, nur wie? Wie sagte man jemandem nach einer jahre­langen Beziehung, dass man nun nicht mehr zusam­men sein möchte. Noch schlimmer, wie beichtete man jemandem eine Affäre, die sich schon über zwei Jahre hinwegzog?

»Es tut mir leid«, sagte Silvia, als sie wieder aus dem Badezimmer kam. »Ich habe mich gehen lassen. Ver­steh mich nicht falsch, es ist schön mit dir und ich lie­be dich, nur manchmal ist diese Situation etwas zu viel für mich. Aber wir sind keine Teenager mehr, die von der großen Liebe und dem perfekten Leben träu­men. Als ich mich mit dir auf diese Affäre eingelassen habe, wusste ich ganz genau, was ich tat, und ich weiß es noch immer.«

»Affäre ist so ein hässliches Wort«, protestierte Tom, obwohl er es vorhin selbst gedacht hatte.

»Das mag schon sein, aber im Endeffekt ist es genau das. Du hast eine Freundin, ich einen Freund, mit dem ich sogar eine Tochter habe. Wir haben hinter dem Rücken unserer Partner Sex miteinander. Auch wenn wir es schönreden, sollte das Ganze einmal auf­fliegen, läuft es darauf hinaus und wir werden die Bö­sen in der Geschichte sein. Vollkommen egal, ob wir uns lieben oder nicht.«

Silvias ansatzloser Wechsel von einer emotionalen Ge­liebten zur knallharten Geschäftsfrau irritierte Tom nur kurz. Immerhin kannte er sie nur zu gut und das war genau ihr Charakter. Einmal so, einmal so.

»Ich will jetzt nicht streiten«, meinte Tom nach eini­gen schweigsamen Sekunden. »Auch wenn es kompli­ziert ist, die Zeit, die wir für uns haben, ist doch schön. Oder bist du anderer Meinung? Willst du, dass ich aus deinem Leben verschwinde?«

Silvia zögerte und betrachtete den Mann, der im Bett lag. Er war durchtrainiert, die Konturen seiner Mus­keln zeichneten sich eindeutig auf seiner Haut ab und gaben ihm ein jugendliches, frisches Aussehen. War es nur das, was sie an ihm reizte? Ging es lediglich um das körperliche Miteinander, um die Leidenschaft im Bett? War es nur der Sex?

Zu Beginn war es bestimmt so gewesen. Sie hatte sich damals nicht unsterblich in Tom verliebt, sie hatte zu­nächst nur genossen, wie er sie angesehen hatte. Die­ses Verlangen in seinen Augen! Ein Verlangen, das sie in den Blicken ihres Lebensgefährten in dieser Form lange nicht mehr wahrgenommen hatte. Zuerst war es nur eine vage Vermutung ihrerseits gewesen, dann un­schuldiges Flirten, das sie nach anfänglicher Zurück­haltung intensiv erwidert hatte. Irgendwann war dann aber klar gewesen, dass Tom sie wirklich wollte. Und dieses Gefühl war für Silvia wie eine Droge gewesen, die sie süchtig gemacht hatte. Von einem anderen Menschen so begehrt zu werden, dieser Kick war einfach unbeschreiblich gewesen, sodass sie der Versuchung nur erliegen konnte.

Und trotzdem hatte sich in den letzten zwei Jahren aber auch noch eine andere Ebene ihrer Beziehung entwi­ckelt. Da waren einerseits die leidenschaftlichen Küsse im Bett, andererseits gab es jedoch auch die Küsse au­ßerhalb, die voller Zuneigung waren. Es gab die Momente, in denen Silvia einfach nur glück­lich war, wenn sie in Toms Nähe sein konnte und sie seine Anwesenheit spürte. In diesen Momenten fühlte sich das, was sich zwischen den beiden abspielte, nicht wie eine Affäre an. Es fühlte sich vielmehr wie das an, was man wohl gemeinhin als Liebe bezeichnete.

»Ich will nicht, dass du verschwindest«, sagte Silvia und stieg wieder zu Tom ins Bett.

Sie legte ihren Arm über seine Brust und umklam­merte mit ihren Beinen die seinen. Zärtlich schmiegte sie sich an ihn und hielt ihn zugleich kraftvoll fest, so als würde sie ihn nie wieder gehen lassen wollen.

»Und was willst du dann?«, fragte Tom.

»Ich weiß nicht, was ich will. Du kennst mich doch.«

Tom musste lachen.

»Nein, das tust du wirklich nicht.«

»Tom?«

»Ja?«

»Und was willst du?«

Er überlegte und sah dabei zum Fenster hinaus.

»Ich will hier bei dir bleiben.«

»Schön.«

»Aber …«

»Aber du musst gehen.«

»Leider. Es ist bestimmt schon nach acht und mein Nachtdienst dauert sonst immer nur bis sieben. Linda wird sich schon fragen, wo ich bleibe. Ich habe ihr ein gemeinsames Frühstück versprochen. Musst du nicht auch nach Hause?«

»Nein. Nick erwartet mich erst heute Nachmittag von meiner Tagung zurück.«

Tom verstand, dass das bedeuten sollte, dass Silvia sich noch den ganzen Tag für ihn freigehalten hatte, doch er entschied sich dafür, die Andeutung zu igno­rieren. Es hätte sonst nur wieder eine Diskussion zur Folge gehabt, die er nicht führen wollte.

»Sorry, ich muss«, sagte er und versuchte aufzustehen.

Das wollte ihm jedoch nicht gelingen, denn Silvia hielt ihn mit Armen und Beinen umklammert.

»Sehr lustig. So kann ich aber nicht aufstehen.«

»Ich weiß«, erwiderte Silvia schmunzelnd und biss ihn in die Schulter.

»Au! Das tut weh!«

»Oh, entschuldige«, sagte Silvia, küsste ihn auf diesel­be Stelle und biss gleich noch einmal zu.

»Hey, du bist frech!«

Daraufhin fasste Tom ihr unter die Achseln und be­gann sie zu kitzeln, was Silvia mit einem Aufschrei quittierte. Es war ihre kitzeligste Stelle und das wusste Tom genau. Sie lachte laut auf und musste ihn unwei­gerlich aus ihrer Umklammerung loslassen. Er allerdings kitzelte sie weiter, bis ihr vor Lachen die Stimme zu versagen drohte.

»Aufhören«, flüsterte sie, »ich kann nicht mehr.«

Daraufhin ließ Tom von ihr ab und flüsterte ihr sei­nerseits zu: »Du hast angefangen, Klammeräffchen.«

Er stand auf und zog sich an, während Silvia ein­fach nur dalag und langsam wieder zu Atem kam. Als Tom fertig angezogen war, setzte er sich noch einmal zu ihr auf das Bett. Silvias Brustkorb hob und senkte sich nach wie vor in etwas erhöhter Frequenz.

»Hör zu«, meinte Tom, »diese Woche wird es sich bei mir leider nicht mehr ausgehen. Aber Anfang nächs­ter Woche könnten wir uns wiedersehen. Wie sieht es bei dir aus?«

»Da muss ich in meinem Terminplan nachsehen. Ich schreibe dir eine Nachricht.«

»Was machst du heute noch?«

»Mal sehen. Eine ausgedehnte Dusche und ein min­destens ebenso langes Frühstück stehen ganz oben auf der Liste. In diesem Hotel gibt es einen großen Wellnessbereich, da wird bestimmt etwas für mich da­bei sein.«

Tom war froh, dass sie ihm keinen Vorwurf machte, dass er den restlichen Tag nicht mit ihr verbrachte. Er musste auch darüber lächeln, wie sie das mit dem großen Wellnessbereich hervorgehoben hatte. Die beiden hatten immerhin schon ziemlich oft eine Nacht im Hotel verbracht, aber kaum zweimal im sel­ben. Und da waren manchmal eben auch solche dar­unter gewesen, die eher in die Kategorie »Bruch­bude« einzuordnen gewesen waren. Glücklicherweise gehörte dieses nicht dazu.

»Na gut, dann entspann dich«, sagte Tom, beugte sich nach vor und küsste sie.

Als er sich schon von ihr lösen wollte, hielt Silvia sei­nen Kopf fest und küsste ihn weiter. Wie aus dem Nichts umklammerte sie Tom plötzlich erneut mit ih­ren Beinen und es sah nicht so aus, als hätte sie vor, ihn gehen zu lassen. Er blickte sie mit hochgezogenen Augenbrauen an, Silvia erwiderte ein freches Lächeln.

»Ach, du …«, begann er und startete nun seinerseits eine neuerliche Kitzelattacke.

Die beiden alberten so noch einige Zeit herum, bis Tom sich dann doch endgültig von ihr löste und das Hotelzimmer verließ.